Ein Wort zur Kulturflatrate 2009-10-09
Eben bin ich über den Artikel von Markurs Beckedahl gestolpert, der ein Interview mit Jens Seipenbusch, dem Vorsitzenden der Piratenpartei, kommentiert, in dem es um die Kulturflatrate geht. Die Aussagen von Seipenbusch als auch die Kommentare zu dem Artikel brachten mich dazu, mal genauer über diesen Lösungsansatz für Urheberrechtsverletzungen zu räsonieren…
Eine Kulturflatrate soll als Ausgleich für die vollständige Legalisierung der Privat-, also der nicht-kommerziellen, Kopie dienen. Zu diesem Zweck soll eine allgemeine, pauschale Gebühr auf Internetzugänge erhoben werden und das so zusammengetriebene Geld auf die Urheber verteilt werden. Ich sehe dabei nur folgende Probleme:
1. Die Kulturflatrate muss von staatlicher Seite eingerichtet und beaufsichtigt werden. Das bedeutet, jeder Urheber muss sich an zentraler Stelle registrieren, um eine Vergütung zu erhalten. Wie viele Millionen Urheber inkl. Adresse, Kontodaten usw. muss das Bundesamt für die Flatratekultur für die Kulturflatrate denn dann verwalten? Das werden mit Sicherheit nicht weniger werden, sondern zunehmend mehr, da in Zeiten von YouPorn YouTube und Flickr jeder eigene Werke veröffentlichen kann. Lohnt sich ein solch riesiger Verwaltungsapparat denn, um 90% der Künstler dann jeden Monat 3 ct zu überweisen?
2. Nach welchem Schema sollen die eingenommenen Gebühren unter den Künstlern verteilt werden? Wie soll festgestellt werden, welche Künstler bzw. Werke besonders beliebt / erfolgreich sind? Wenn wir schon darüber reden, dass FileSharing praktisch nicht durch die Musikindustrie zu kontrollieren ist und deshalb nur eine Flatrate die Lösung sein kann, seien wir doch auch hier realistisch: Es ist unmöglich, den gesamten Internetverkehr zu überwachen, um festzustellen, welche Werke wie oft kopiert werden. Sowohl von der technischen als auch von der rechtlichen Seite her.
Von dem Ansatz, eine FileSharing-Software für die Allgemeinheit zu entwickeln (s. Kommentar Nr. 57 zu Markus’ Artikel), um anonymisierte Statistiken zu sammeln, halte ich auch nichts. Es werden zum einen nicht alle mitmachen (der Querschnittsgedanke funktioniert bei hundertausenden Urhebern nicht, irgendjemand bleibt definitiv auf der Strecke), und zum anderen wird doch nicht nur Musik getauscht, sondern auch literarische Werke, Bilder, Software. Sollen Flickr, Google & Co. jetzt alle auf ein System für den Austausch von urheberrechtlich geschützten Daten umstellen? Von den unzähligen Möglichkeiten der Manipulation einmal abgesehen…
Hanno Zulla schreibt dazu folgendes:
Wenn ich für Downloads sogar bares Geld erhalte, buche ich als Bandmanager/Plattenfirma/Künstler doch sofort ein Botnet.
Führen wir auf der anderen Seite Pauschalbeträge ein, die an die Künstler gezahlt werden, wird es keinen Wettbewerb mehr geben. Ich als unmusikalisches Irgendwas würde dann genauso viel bekommen wie Madonna, alleine dadurch, dass ich mich als Urheber registriere. Oder führen wir Vergütungsklassen ein, wobei der Künstler die Verbreitung seiner Werke selber nachweisen muss? Schwer vorstellbar.
3. Wie sieht es mit der EU-weiten oder sogar internationalen Durchsetzung von Urheberrechten aus? Bisher erfolgte dies insbesondere über Verwertungsgesellschaften, wie die GEMA für Musik und die VG Wort für Druckerzeugnisse, die sich auch im Ausland für eine Einhaltung des Urheberrechts stark machten (das weiß ich zumindest in Bezug auf die VG Wort, da meine Mutter als Autorin mit denen zu tun hat). Wird nun hier der Deutsche Staat für seine Künstler eintreten?
4. Hervorheben möchte ich auch folgenden Kommentar von Joachim Losehand:
Zum Zweiten löst eine Kulturflatrate nicht das große Problem, dem sich Kulturschaffende bzw. Urheber gegenüberstehen: Nämlich die Einstellung der Nutzer (Konsumenten) zum Wert künstlerischer Arbeit. Künstlerisches Werk, das durch eine Generalabsolution finanziell abgegolten ist, wird im Bewußtsein der Nutzer (Konsumenten) nicht mehr wert, der ideelle Wert wird aufgrund der universellen Verfügbarkeit (weiter) sinken.
Ich hoffe, Befürworter der Kulturflatrate sehen das als rein konstruktive Kritik. Ich suche auch verzweifelt nach einer Lösung, habe aber leider keine parat. Die Kulturflatrate scheitert für mich jedoch an zu vielen Punkten.
In den Kommentaren bin ich auch auf einen Podcast gestoßen. Den werde ich mir mal antun.
Update:
Thaniell schreibt in den Kommentaren:
Wie wäre es denn mit einer Demokratisierung des Prozesse, jeder Nutzer der Zahlen muss, kann selbst bestimmen wem er wieviel von seinem Pott abgeben will, ansonsten kommt ein nur grob mainstreamig bestimmter (absolute gemessene Downloads/Charts) zum Einsatz? Dann liegt es an den Nutzern ihre Künstler zu unterstützen, damit die weiterproduzieren.
Interessanter Ansatz… aber werden sich Power-Leecher die Leute wirklich bemühen, ihre Vergütungsliste aktuell zu halten? Wie viele Urheber sollen auf solchen Listen auftauchen? Sind sich die Leute überhaupt darüber im Klaren, wann sie fremde Werke nutzen? Die Faulheit, nur einige wenige der unzähligen Urheber auf die Liste zu setzen, dürfte mit Sicherheit siegen.
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Eben bin ich über den Artikel von Markurs Beckedahl gestolpert, der ein Interview mit Jens Seipenbusch, dem Vorsitzenden der Piratenpartei, kommentiert, in dem es um die Kulturflatrate geht. Die Aussagen von Seipenbusch als auch die Kommentare zu dem Artikel brachten mich dazu, mal genauer über diesen Lösungsansatz für Urheberrechtsverletzungen zu räsonieren…
Eine Kulturflatrate soll als Ausgleich für die vollständige Legalisierung der Privat-, also der nicht-kommerziellen, Kopie dienen. Zu diesem Zweck soll eine allgemeine, pauschale Gebühr auf Internetzugänge erhoben werden und das so zusammengetriebene Geld auf die Urheber verteilt werden. Ich sehe dabei nur folgende Probleme:
1. Die Kulturflatrate muss von staatlicher Seite eingerichtet und beaufsichtigt werden. Das bedeutet, jeder Urheber muss sich an zentraler Stelle registrieren, um eine Vergütung zu erhalten. Wie viele Millionen Urheber inkl. Adresse, Kontodaten usw. muss das Bundesamt für die Flatratekultur für die Kulturflatrate denn dann verwalten? Das werden mit Sicherheit nicht weniger werden, sondern zunehmend mehr, da in Zeiten von YouPorn YouTube und Flickr jeder eigene Werke veröffentlichen kann. Lohnt sich ein solch riesiger Verwaltungsapparat denn, um 90% der Künstler dann jeden Monat 3 ct zu überweisen?
2. Nach welchem Schema sollen die eingenommenen Gebühren unter den Künstlern verteilt werden? Wie soll festgestellt werden, welche Künstler bzw. Werke besonders beliebt / erfolgreich sind? Wenn wir schon darüber reden, dass FileSharing praktisch nicht durch die Musikindustrie zu kontrollieren ist und deshalb nur eine Flatrate die Lösung sein kann, seien wir doch auch hier realistisch: Es ist unmöglich, den gesamten Internetverkehr zu überwachen, um festzustellen, welche Werke wie oft kopiert werden. Sowohl von der technischen als auch von der rechtlichen Seite her.
Von dem Ansatz, eine FileSharing-Software für die Allgemeinheit zu entwickeln (s. Kommentar Nr. 57 zu Markus’ Artikel), um anonymisierte Statistiken zu sammeln, halte ich auch nichts. Es werden zum einen nicht alle mitmachen (der Querschnittsgedanke funktioniert bei hundertausenden Urhebern nicht, irgendjemand bleibt definitiv auf der Strecke), und zum anderen wird doch nicht nur Musik getauscht, sondern auch literarische Werke, Bilder, Software. Sollen Flickr, Google & Co. jetzt alle auf ein System für den Austausch von urheberrechtlich geschützten Daten umstellen? Von den unzähligen Möglichkeiten der Manipulation einmal abgesehen…
Hanno Zulla schreibt dazu folgendes:
Wenn ich für Downloads sogar bares Geld erhalte, buche ich als Bandmanager/Plattenfirma/Künstler doch sofort ein Botnet.
Führen wir auf der anderen Seite Pauschalbeträge ein, die an die Künstler gezahlt werden, wird es keinen Wettbewerb mehr geben. Ich als unmusikalisches Irgendwas würde dann genauso viel bekommen wie Madonna, alleine dadurch, dass ich mich als Urheber registriere. Oder führen wir Vergütungsklassen ein, wobei der Künstler die Verbreitung seiner Werke selber nachweisen muss? Schwer vorstellbar.
3. Wie sieht es mit der EU-weiten oder sogar internationalen Durchsetzung von Urheberrechten aus? Bisher erfolgte dies insbesondere über Verwertungsgesellschaften, wie die GEMA für Musik und die VG Wort für Druckerzeugnisse, die sich auch im Ausland für eine Einhaltung des Urheberrechts stark machten (das weiß ich zumindest in Bezug auf die VG Wort, da meine Mutter als Autorin mit denen zu tun hat). Wird nun hier der Deutsche Staat für seine Künstler eintreten?
4. Hervorheben möchte ich auch folgenden Kommentar von Joachim Losehand:
Zum Zweiten löst eine Kulturflatrate nicht das große Problem, dem sich Kulturschaffende bzw. Urheber gegenüberstehen: Nämlich die Einstellung der Nutzer (Konsumenten) zum Wert künstlerischer Arbeit. Künstlerisches Werk, das durch eine Generalabsolution finanziell abgegolten ist, wird im Bewußtsein der Nutzer (Konsumenten) nicht mehr wert, der ideelle Wert wird aufgrund der universellen Verfügbarkeit (weiter) sinken.
Ich hoffe, Befürworter der Kulturflatrate sehen das als rein konstruktive Kritik. Ich suche auch verzweifelt nach einer Lösung, habe aber leider keine parat. Die Kulturflatrate scheitert für mich jedoch an zu vielen Punkten.
In den Kommentaren bin ich auch auf einen Podcast gestoßen. Den werde ich mir mal antun.
Update:
Thaniell schreibt in den Kommentaren:
Wie wäre es denn mit einer Demokratisierung des Prozesse, jeder Nutzer der Zahlen muss, kann selbst bestimmen wem er wieviel von seinem Pott abgeben will, ansonsten kommt ein nur grob mainstreamig bestimmter (absolute gemessene Downloads/Charts) zum Einsatz? Dann liegt es an den Nutzern ihre Künstler zu unterstützen, damit die weiterproduzieren.
Interessanter Ansatz… aber werden sich Power-Leecher die Leute wirklich bemühen, ihre Vergütungsliste aktuell zu halten? Wie viele Urheber sollen auf solchen Listen auftauchen? Sind sich die Leute überhaupt darüber im Klaren, wann sie fremde Werke nutzen? Die Faulheit, nur einige wenige der unzähligen Urheber auf die Liste zu setzen, dürfte mit Sicherheit siegen.
2 Comments
chillheimer2010-01-27 12:05
Zu 1.:
Der Verwaltungsapparat muß nicht riesig sein, nur die Datenbank in der jeder 3cent-”künstler” gespeichert wird.
Und man muß auch nicht jeden Kleinstbetrag auszahlen. So könnte man Begrenzungen einführen wie eine Auszahlung erst wenn mindestens 10-50€ zusammengekommen sind.
Thaniell’s Idee finde ich hochinteressant. Könnte optional eingeführt werden, Fans könnten sich für ihren Lieblingsartist einsetzen..
Das Geld derer denen die Verteilung egal ist wird nach den landesweiten Downloadzahlen verteilt.
Zu 2.:
Ich denke die Nutzung eines eigenen “Flatrate-P2P-Netzes” ist die einzig sinnvolle Lösung. Nur hier kann man 100% sicher legal saugen, nur hier wird überwacht und dementsprechend verteilt.
Wer trotzdem Musik aus unüberwachten Netzwerken zieht muß halt damit rechnen Post von den ungeliebten Abmahnern zu bekommen. (vielleicht gibts da aber auch eine schönere Lösung, das gefällt mir selbst nicht.)
Bezüglich der Botnetze, ja, da mus ne Lösung gefunden werden.. CCC-freiwillige? ;)
3. gute Frage=schweere Antwort.
Ich denke es ist schon unmöglich genug sich auf eine nationale Lösung zu einigen. Erst wenn das erreicht wurde sollte man versuchen das international zu lösen.
Natürlich sollte man das schon vorher im Hinterkopf behalten um mögliche Probleme rechtzeitig aus dem Weg zu räumen.
lg, chillheimer
codethief2010-01-27 14:23
Stimmt, die Idee mit der Auszahlung ab einem bestimmten Betrag ist nicht schlecht. Zudem ist sie ja gar nicht mal so unüblich (s. Amazon PartnerNet, Google Adsense etc.).
Ein eigenes Flatrate-P2P-Netzwerk zur Verfügung zu stellen, halte ich aber in etwa für genauso sinnvoll, wie die bundesweite, verpflichtende Einführung von Jugendschutz im Internet (s. http://www.netzpolitik.org/2010/zensur-im-namen-des-jugendschutzes/). Das Internet ist dezentral und wird dies in Zeiten zunehmender Globalisierung auch bleiben. Eine Plattform zum Non-Plus-Ultra zu erklären, kann nicht funktionieren.
Hast Du einmal meinen neuesten Artikel zum Thema gelesen? http://simonhirscher.de/posted/neues-von-der-flatratefront/
Dort gehe ich noch näher auf Thaniells Idee ein und entwickle sie ein wenig dahingehend weiter, dass Downloads nicht gar nicht mal gezählt werden müssen.